Böll lässt grüßen

 

Anekdote zur Steigerung der Lebensmoral

 

von Lars Bessel – frei nach Heinrich Böll

 

Vor einer alten Naturstein-Kirche in einem westlichen Küstenort Europas sitzt ein älterer Mann in zerschlissener Jeans und rot-weiß kariertem Holzfällerhemd und schaut in die Natur. Ein etwa gleichaltriger Herr von der Nachbarinsel stoppt seinen weißen Porsche SUV direkt vor der Kirche, blickt beim Hineingehen kurz auf den Mann auf den Stufen. Der hört nach kurzer Zeit ein einziges Geldstück in der dunklen Kirche hinter sich in den Opferstock fallen. Draußen scheint die Sonne vom blauen Himmel mit einigen Schäfchenwolken, hinter dem saftig grünen Gras liegt die türkisfarbene Bucht mit friedlichen, schneeweißen Wellenkämmen. „Sind Sie nicht der Mann, dem der Kolonialwarenladen gehört?“, fragt der Mann von der Nachbarinsel auf seinem Weg zum Auto hinab zu dem Mann auf den Stufen. Der kneift die Augen zusammen, weil ihn die Sonne blendet, zieht seine dunkelgrüne Schiebermütze mit dem roten Stern darauf tiefer ins Gesicht, blickt kurz auf und nickt.

 

Die beiden sprechen dieselbe Sprache und verstehen sich doch nicht. „Warum sitzen Sie hier vor der Kirche?“, möchte der Fremde wissen. „Ich genieße den schönen Ausblick“, antwortet der Einheimische. „Sollten Sie nicht besser in ihrem Laden stehen?“, fragt der andere verwundert nach. „Er ist geöffnet“, lautet die Antwort.

 

Das Mobiltelefon des Fremden klingelt, der hektisch danach in der Tasche seines schicken Ledermantels sucht. Als er es gefunden hat, geht er auf den Friedhof, um ungestört
telefonieren zu können. Der Einheimische hört ihn laut fluchen. Nach einigen Minuten setzt der Fremde das Gespräch an den Stufen fort: „Wenn Ihr Laden also geöffnet ist, wird sich wohl jemand anderes um den Verkauf der Waren kümmern. Aber das kostet Geld. Stünden Sie selbst im Laden, würden Sie dieses Geld sparen.“

 

„Aber dann könnte ich nicht hier sitzen und den schönen Ausblick genießen“, lautet die für den Fremden wenig befriedigende Antwort. „Und meine Angestellte hätte kein Geld.“

 

Der Fremde ist ein wenig gerührt von der zweiten Antwort. Er hatte schon häufiger von dieser Art Fürsorge für Mitarbeiter gehört. „Wenn Ihnen so sehr an Ihren Mitmenschen gelegen ist, sollten Sie erst recht nicht hier herum sitzen und nichts tun! Warum bauen Sie ihren kleinen Laden nicht aus? Sie könnten im Nebenraum zum Beispiel eine Weinbar einrichten, so etwas gibt es hier noch nicht. Und im Obergeschoss könnten Sie ein Restaurant einrichten,“ die Begeisterung verschlägt dem Fremde für
ein paar Augenblicke die Stimme, „dann könnten Sie noch viel mehr Ihrer Landleute beschäftigen und Sie selbst würden auch viel mehr verdienen.“

 

Der Mann auf den Stufen dreht seinen Kopf wieder in die Sonne.

 

„In spätestens einem Jahr könnten Sie zusätzlich einen Lieferservice anbieten, in zwei Jahren Ihr Konzept als Franchise System vermarkten. Sie müssten nicht mehr auf
den kalten Stufen vor der Dorfkirche sitzen, stattdessen ließen Sie sich von einem Fahrer in einer schicken Limousine durchs Land fahren, wo Sie all Ihre Filialen kontrollieren.“ Wieder verschlägt die Begeisterung dem Fremden die Sprache. „Und in nicht allzu ferner Zeit“, sagt der Fremde plötzlich recht leise und gerührt, „bräuchten Sie einen Hubschrauber, denn dann gäbe es Ihre Läden auch auf meiner Insel.“ Der Einheimische steht auf und klopft dem anderen auf den Rücken wie einem Kind, das sich verschluckt hat. „Und was dann?“, fragt er ebenso leise zurück.

 

„Dann könnten Sie stolz und zufrieden vor Ihrer Dorfkirche sitzen und in aller Ruhe die Natur genießen“, sagt der Fremde.

 

„Aber das tu ich ja schon jetzt “, antwortet der Einheimische, “nur ihr Mobiltelefon hat meine Ruhe und die der Toten gestört.” Erneut klopft er dem Fremden auf die Schulter, der solcherlei belehrt nachdenklich in seinen geländeuntauglichen Geländewagen steigt, während der Einheimische in seine ausgefranste Hosentasche greift. Als er den Inhalt nun in den Opferstock steckt, klimpert es nicht. Es rauscht. Wie das türkisfarbene Meer jenseits des grünen Grases.

 

 


Zum Nachlesen:

https://de.wikipedia.org/wiki/Anekdote_zur_Senkung_der_Arbeitsmoral

https://entspannungsreisen.de/wp-content/uploads/2009/10/Boell_Anekdote.pdf

5 Kommentare zu „Böll lässt grüßen“

  1. Avatar

    Eine großartige alte Geschichte in neuem Gewand. Schön geschrieben. Ja, es muss was dran sein, dass in die Uhren etwas anders laufen…:-)

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