Ein Winter in Kilcrohane

Heute ist Frühlingsanfang! Die zwangsläufige Folge: Unser „Winter in Irland“ ist heute vorbei. An sich ein Grund zur Freude, werden die Tage ab heute doch wieder länger sein, als die Nächte, es wird wärmer werden, die Bäume schlagen aus. Doch dieses Winterende hat auch etwas betrübliches, aus zweierlei Hinsicht: Unsere Zeit in Irland ist (fast) vorbei – und der Corona-Virus hat uns alle im Würgegriff. Auf dem Kontinent genau wie hier auf der Insel.

Drei Monate lang haben wir nun also in dem kleinen Dörfchen Kilcrohane gelebt, am Ende Europas, haben allmorgendlich (wenn das Wetter es zuließ) auf die Atlantikbucht vor unserem Haus geschaut, abends Torffeuer im Kamin entfacht. Wir waren (bis zu Covid-19) regelmäßig bei Eileen oder Paddy im Pub, haben schwarzes „Beamish“ getrunken, „gechattet“ oder Dart gespielt. Wir sind Teil dieser Community geworden, haben neue Freunde gefunden und eine unbekannte Ecke unseres Kontinentes entdeckt, die sich zu recht „European Destination of Excellence“ nennen darf.

Das Wetter. „Not too bad“, wie der Ire sagt – und das sagt eigentlich alles. Der Januar war wundervoll, sonnig und mild. Der Februar verging im Sturm mit viel Regen, Hagel und manchmal sogar begleitet von Frost. Der März war bislang nicht viel besser. Trotzdem lohnt sich ein Winterurlaub in Irland allemal: Das Wetter ist nicht so viel anders, als im Sommer, aber es gibt kaum Touristen. Und auch wenn es weht und der Regen horizontal daherkommt, so zeigt sich doch jeden Tag verläßlich auch die Sonne. Und der schönste Nebeneffekt sind unzählbare Regenbögen. Wer Irland und vor allem die Iren wirklich kennenlernen möchte, reist auf die Sheep’s Head Peninsula im Winter. Die Einheimischen sind freundlich und offenherzig, das gilt sogar für Frank, den stets grummeligen Kolonialwarenhändler im Dorf.

Und noch etwas erlebt man hier ohne eigenes Dazutun: Eine Zeitreise. Wer wissen möchte, wie es in Deutschland sagen wir vor 35 Jahren war, kann es hier sehen und erleben. Die irischen Uhren gehen tatsächlich langsamer, erst recht als die deutschen. Und die Uhren hier in West Cork haben die Unruh gleich noch einmal mehr entschwungen. Ich habe mich zwischen Silvester und St. Patricks Day des öfteren in meine Jugend zurückversetzt gefühlt. Wenn sich Irland und insbesondere diese wunderbare Ecke im Südwesten der grünen Insel das erhält, dann hätten die Iren nicht nur im Fall des Coronavirus’ vom Kontinent gelernt. Wenn ich an unseren Ausflug nach Killarney denke, habe ich allerdings meine Bedenken, dass das gelingt. Dort sieht Irland aus, wie man es sich in Hollywood vorstellt, eine irische Disney-Kulisse für Touristen.

„Ich fühle mich hier so wohl und sicher, wie noch nie in meinem Leben“, hat mir Brian vor einigen Wochen im Pub gesagt. Der Mann leitet den unglaublich großen Frauenchor im Dorf (in dem auch Marion die ganzen Monate mitgesungen hat) und er stammt aus New York. „Aber“, hat Brian dann hinzugefügt, „ich weiß nicht, ob du das so vielen Leuten erzählen solltest …“ Auf der anderen Seite sagt unser Nachbar Noel, mit 80 Jahren der älteste Mann im Dorf, Tourismus sei die einzige Überlebenschance für die Halbinsel. Ich denke, beide haben recht: Es braucht mehr Touristen, auch im Winter, aber eben die „richtigen“. Keinen Massentourismus, keine Busse, die Handys mit „Phono sapiens“ daran ausspucken, sondern Menschen, die sich wirklich für die Natur und die Menschen hier interessieren, die hinaus wollen aus der Stadt und dem Trott, die Ruhe und Weite suchen. Fischen, radeln und vor allem wandern, darum geht es auf „Sheep’s Head“. Die Routen sind hervorragend ausgeschildert und aufgrund der traumhaften Lage zwischen zwei Fjorden gibt es auf jeder Seite der Peninsula Meer zu sehen. Einziger Wehmutstropfen: Hunde sind aufgrund der freien Schafhaltung nicht erlaubt, auch nicht an der Leine.

Wer sich an dieser Stelle auf diese nur im Winter wirklich wilde Natur des „Wild Atlantic Way“ einläßt wird vielleicht sogar noch ein kleines Stück jenes Irlands finden, dass in den 1950er Jahren einst den großartigen Heinrich Böll fasziniert hat, ein Stück Vergangenheit in der Gegenwart, die es zu erhalten gelte. Wir haben all das hier gefunden und unseren Winter in Irland sehr genossen. Danke Kilcrohane für Deine Gastfreundschaft! – Und jetzt freuen wir uns auf zuhause …

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