Ducks on Board

Der Albtraum vom pandemischen Fliegen – ein Selbsttest

Das lustigste am Fliegen mit „Brussels Airlines“ ist gleich zu Beginn der Film über die Sicherheitsvorschriften an Bord des A 330 nach Freetown. Anders als beim Zubringerflug von Hamburg mit „Lufthansa“ hampeln bei den Belgiern nämlich keine Stewardessen im Gang herum, sondern wirklich witzig animierte Enten erklären die „Handhabung der Sauerstoffmasken im Fall eines Druckabfalls in der Kabine“. Mit viel Augenzwinkern resümiert die Zeichentrickfigur im Stil des berühmten Hergé zum Schluss dieses Themas etwa, nun sähen alle im Flieger wie eine Ente aus … Heute ist es tatsächlich so, auch ohne Druckabfall. Alle Passagiere tragen wegen der Covid-19-Pandemie FFP2-Masken und das ist gar nicht lustig.

Das Fliegen macht zu Corona-Zeiten wirklich keinen Spaß mehr“, erklärte bereits Tage vor unserem Abflug ein überzeugend mitfühlender Airline-Mitarbeiter, als er uns den Check-In verweigerte. Der Grund: Unsere PCR-Tests waren fünf Tage alt. Ich wies darauf hin, dass wir nach Sierra Leone reisen wollen und dort ein Covid-19-Test bis zu sieben Tage alt sein dürfe. „Aber Sie fliegen über Brüssel“, erklärte der Mann hinter der Plexiglasscheibe. „Wir haben eine Stunde Aufenthalt“, stimmte ich zu. „Eben“, lautete die Antwort, „und Belgien verlangt einen Test, der nicht älter als drei Tage ist.“

Wir buchten um, machten neue PCR-Tests und versuchen es vier Tage später erneut. Mit Erfolg! Mit dabei haben wir auch die gewissenhaft ausgefüllte „Passenger Locator Form“ sowie die geforderte „ehrenhafte Erklärung“, dass wir wirklich nur auf der Durchreise sind. Diese Erklärung ist zwingend, heißt es auf den offiziellen belgischen Seiten im Internet. Sehen will sie keiner. Egal.

Der Hamburger Flughafen gleicht eher einer Trauer-, denn einer Abflughalle. Ein Terminal ist komplett dicht, die Wartezeit für die Sicherheitskontrolle beträgt eine Minute, sensationell. Wo sonst ein Laden neben dem nächsten Bücher, Schmuck und Parfüm anbietet beziehungsweise sich eine Bar mit der nächsten um die unverschämtesten Preise für einen Espresso streitet, bestimmen jetzt rot-weiße Flatterbänder und Plastikplanen das Bild. Alles ist abgedeckt und eingemottet, wie in einem für lange Zeit verlassenen Haus.

Von Hamburg geht es zunächst nach Frankfurt, weil unser ursprünglich gebuchter Flieger direkt nach Brüssel offenbar wegen fehlender Auslastung Wochen vorher gecanncelt worden war. Nun sitzen wir dicht an dicht in der Sieben-Uhr-Maschine, die genauso voll ist, wie vor der Pandemie. Abstand? Fehlanzeige. Ein Schnelltest vorab? Fehlanzeige. Wenn hier nur einer eine Covid-Vire aushustet, ist das ein fliegender Hotspot. Aber wir bekommen alle ein kostenloses Desinfektionstuch gereicht, die Lufthansa tut, was sie kann.

Auch in Deutschlands fliegerischem Drehkreuz am Main ist es leerer als üblich, Bars und Shops haben aber vielfach geöffnet. Und sogar die „Räucherkammer“ hat offen! Vier Raucher dürfen sich laut provisorischem Türschild dort gleichzeitig aufhalten. Ich zähle mindestens 20 mehr, aber das interessiert niemanden, weder da drinnen noch davor. Dafür kontrolliert die Bundespolizei mit einem Dutzend Beamten pro Gate die Einreisenden aus dem Ausland und achtet streng darauf, dass alle ihre Onlineanmeldung auf Papier mit sich führen, bevor sie rauchen gehen.

Neu ist auch, dass die Passagiere in Gruppen einchecken müssen. Warum erschließt sich mir nicht, da trotzdem alle eng an eng vor den Ticketscannern stehen. Und der Ausstieg läuft jetzt so ab, dass einzelne Reihen aufgerufen werden. Das Ergebnis ist ebenso ernüchternd wie beim Einsteigen. Wieder sitzen wir Zentimeter statt Meter von unseren Mitreisenden entfernt im Flugzeug, nehmen zum essen und trinken zwangsläufig die Masken ab. Aber wir tun das mit einem schlechten Gefühl, immerhin.

Ich schreibe diesen Text irgendwo über der Sahara in 11.152 Metern Höhe. Die meisten „Enten“ mit ihren meist weißen Schnäbeln und dem „CE“-Aufdruck schlafen um mich herum. Jene, deren FFP2-Masken dabei unter dem Kinn hängen, bleiben unbehelligt, die Crew soll möglichst wenig Kontakt zu den Passagieren haben, wie uns mitgeteilt wurde. Deshalb wurde als zusätzliche Sicherheitsmaßnahme der duty free Verkauf bis auf weiteres eingestellt, auch bei Brussels tut man, was man kann.

Inzwischen haben wir an Bord unsere bereits online ausgefüllte Passenger Locator Form für Siera Leone noch einmal auf Papiervordrucken ausgefüllt, dreifach hält eben besser. Gern hätten wir aus Deutschland auch wie gewünscht den in Freetown anstehenden nächsten PCR-Text per Kreditkarte bezahlt, doch das war aus welchen Gründen auch immer nicht möglich. Fest steht, da unten zieht die Sahara unter mir mit mehr als 800 Stundenkilometern vorbei und ich werde in rund zwei Stunden westafrikanischen Boden betreten. Fest steht auch, dass sich ganz viele Menschen ganz viel Mühe gegeben haben, irgendetwas gegen diese Pandemie zu unternehmen und den internationalen Flugverkehr nicht ein zweites Mal komplett lahmzulegen. Fest steht aber auch, dass das alles außer einem schlechten Gewissen herzlich wenig bringt. Fliegen macht zu Corona-Zeiten nicht nur keinen Spaß, es ist ein Albtraum.

Nachtrag: Die Einreise nach Sierra Leone war am Ende erfrischend einfach und gut organisiert. Krautig ist es am Flughafen in Lungi immer, aber sowohl die beiden “Visa on arrival” für zusammen 160 $ klappten genauso problemlos, wie die Bezahlung der beiden Covid-19-Tests (Schnelltest & PCR) für ebenfalls 160 USD. Auch die Probenentnahmen waren schlicht professionell! Nach 18 Stunden fallen wir in einen traumlosen Schlaf, der nur von einer durch das Hotelzimmer streifenden Eidechse unterbrochen wird …

2 Kommentare zu „Ducks on Board“

  1. Avatar

    Ich freue mich, dass ihr alle Strapazen überwunden habt und gut angekommen seid. Grüßt mir mein geliebtes SierraLeone/Freetown.
    Ganz liebe Grüße von Lilo

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