Immer diese Ausländer

Irland wächst, das einstige Auswandererland wird zum Paradies für Einwanderer. Doch wieviele Ausländer verträgt ein Dorf? Und sind alle Ausländer eigentlich Fremde, oder Rückkehrer? Philosophisch-politische Gespräche führt man hier in der Bar, wo sonst. Vor Cuinn und mir stehen zwei Bier, ein „Carlsberg“ und ein „Beamish“. Das dänische trinkt selbstverständlich der Ire, nicht der Deutsche. Wieviele „echte“ Iren eigentlich noch im Dorf leben, möchte ich von Cuinn wissen. Der schaut mich an, läßt seinen Blick durch den Pub wandern, zuckt mit den Schultern und nimmt einen kräftigen Schluck aus seinem Glas. „Vermutlich weniger als die Hälfe“, lautet schließlich seine Antwort, die ihn nicht glücklich aussehen läßt.

Rund 130 Menschen leben offiziell in dieser letzten bewohnten Siedlung vor dem Atlantik im südwestlichen Zipfel der Insel. Es ist schön hier, das Klima dank des Golfstromes sehr mild, auch im Winter. Nur Geld verdienen kann man hier nicht. Es gibt eine Handvoll Bauern, die sich um Schweine, Kühe, Rinder und Schafe kümmern, einen Imker, zwei Fischer, dazu kommen zwei Kneipen, Cuinns Kolonialwarenladen und eine Autowerkstatt. Die Folge war jahrzehntelange Auswanderung.

Auch die Mutter von Aiden gehörte Mitte der 1950er Jahre dazu. Sie willigte der Heirat mit einem Briten zwar nur unter der Bedingung ein, dass sie nicht wegziehen müsse. Als sechstes Kind in der Familie war das aber vermutlich schon vorher ausgemachte Sache. Tatsache war, dass die junge Frau drei Wochen nach der Heirat nach Manchester umzog und einen kleinen Aiden zur Welt brachte. Den verschlug es später nach Arizona und nun sitzt er bei Brennan in der Bar am Torffeuer. Der Whiskey schmeckt anders in Arizona, auch wenn er sich genauso schreibt, wie in County Cork.

Knapp 8.000 Kilometer Luftlinie liegen zwischen Aidens alter und neuer Heimat und das Dorf am Meer hat zwei Ausländer mehr. Aiden kam mit seiner Ehefrau und kaufte ein Haus. Fiona freut das, verkauft die Maklerin doch die meisten Häuser hier an die Neubürger aus aller Welt – an Amerikaner, Engländer, aber auch an Deutsche, Österreicher, Schweizer, Spanier … Und weil man im Dorf an der Kante Europas noch immer kein Geld verdienen kann, vermieten sie alle ihre Häuser oder Wohnungen an Touristen, ebenfalls aus aller Welt. Die Folge liegt auf der Hand: Im Winter ist das Dorf nahezu ausgestorben, im Sommer wird es überrannt.

Auch Cuinn profitiert von den vielen Ausländern, sie kaufen Eier bei ihm oder Milch, die „Irish Times“, benötigen Briefmarken oder Benzin. Und doch schmeckt Cuinn das alles nicht sonderlich. Das viele Geld hat einen faden Beigeschmack, den Cuinn mit einem weiteren Schluck Bier herunterzuspülen versucht. Vergebens. Am anderen Ende der Theke stimmt eine ältere Frau ein Lied an, eine jener melancholischen irischen Balladen, für die die Ausländer die Iren lieben. Doch einstimmen können nur sehr wenige im vollen Pub – die Deutschen und die Spanier kennen das Lied nicht und selbst die Neuen aus Arizona verstehen kein Wort, da sie kein Gälisch beherrschen.

Als Aidens Mutter vor über 50 Jahren gegen ihren Willen County Cork verlassen musste, fürchteten nicht wenige, Irland würde über kurz oder lang ausbluten. Seit einigen Jahren nun hat sich die Situation ins Gegenteil verkehrt, doch das viele frische Blut läßt die alten irischen Herzen unruhig schlagen. Ändern lassen wird sich daran nichts, ist sich Cuinn sicher, lehrt sein Glas und geht. Mir fallen plötzlich die Kelten ein, die 500 Jahre vor Christus die irische Insel einnahmen und deren Kreuze noch heute auf dem Dorffriedhof das Bild bestimmen. Und ich denke an die Wikinger, die die Kelten ab 795 n. Chr. verdrängten. Und an die Briten, die Irland jahrhundertelang besetzt hielten (aber das ist eine andere Geschichte). Was also genau ist „irisch“? Wurde diese Insel nicht schon immer vom völkischen Wandel geprägt?

Ich bestelle mir noch ein Bier, diesmal ein „Carlsberg“, während sich ein Mann in Sportanzug neben mich setzt und ein „Murphy’s“ ordert. Er komme gerade vom Training der Jugendmannschaft, erzählt er mir, „Gaelic Football“, fügt er hinzu. Diese Sportart gibt es nur hier in Irland – und das seit über 700 Jahren.

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