Der Terrassen-Deal

Wenn alles so läuft, wie ich es mir ausgemalt habe, werde ich im Frühjahr unsere Dachterrasse mit Holzdielen auslegen. Darauf freue ich mich schon sehr! Der Baustoffmarkt in Wilster hat mir sibirische Lärche empfohlen, die sei besonders langlebig. Allerdings ist die Douglasie aus dem Baumarkt in Heiligenstedten deutlich günstiger. In Shanghai bevorzugen jene Menschen, die deutlich besser betucht sind als ich, wiederum Tropenholz. Das hält noch länger, als das sibirisches Holz und hat zudem einen Hauch von Exklusivität. Der reiche Chinese ist schließlich nicht heimlich reich, sondern will das auch zeigen. Wo dessen Terrassendielen herkommen, sehe ich im Moment jeden Tag. Vielfach.
Kamakwie, Distrikthauptstadt im Nordwesten von Sierra Leone / Westafrika. Mari und ich sitzen gegen 21 Uhr bei immer noch 33 Grad zusammen mit einem chinesischen Geschäftsmann auf der öffentlichen Veranda unseres Gästehauses. David (Name aus Sicherheitsgründen geändert) gehört zu mehreren Einkäufern im weltumspannenden „timber business“. Es ginge allein um 15 Millionen US-Dollar jährlich für Sierra Leone, sagt unser Gesprächspartner, unglaublich viel Geld für eines der ärmsten Länder dieser Welt. Doch was kommt davon bei der Bevölkerung an? Wenig, um es positiv zu formulieren. Das meiste Geld, und wir reden nicht nur über das zehnfache, wird jedoch in China gemacht.
Ich bin mir durchaus darüber bewusst“, sagt David selbstkritisch, „dass das, was wir hier machen, nicht gut ist.“ Weder für das Weltklima, noch für das lokale. Und er hat recht: Die Auswirkungen sind katastrophal, die Trockenzeit wird in Sierra Leone immer heißer, die Regenzeit immer heftiger. Aber er sei immerhin einer der „Guten“ in diesem „kriminellen Geschäft“, um sehr reflektiert hinzuzufügen, „das hoffe ich zumindest“. Wir glauben ihm das, immerhin spricht David mit uns, seine Geschäftspartner halten es dagegen noch nicht einmal für nötig, „good morning“ zu sagen.
Die Ignoranz uns gegenüber kann ich problemlos verkraften, der offene Rassismus gegenüber den Einheimischen, schwarzen Geschäftspartnern dagegen ist kaum auszuhalten. Die Männer aus dem „Reich der Mitte“ führen sich auf wie „Herrenmenschen“ und behandeln alle anderen wie „Untermenschen“. Ich weiß, dass diese Vokabeln für einen Deutschen geschichtsbedingt problematisch sind. Aber viel problematischer ist, dass die Chinesen diese Vokabeln hier tatsächlich leben. In jedem Satz schwingt Verachtung mit, wird offen mit Entlassung gedroht oder es werden immer neue Ansprüche gestellt, ohne dafür bezahlen zu wollen.
Die Chinesen in Kamakwie (und vermutlich in ganz (West-) Afrika) leben in ihrer eigenen Miniaturwelt. Dazu gehört auch die plastikverpackungsintensive Verpflegung. Die Herren essen ausschließlich eingeschweißtes chinesisches Fertigfutter, das sich bei Zugabe von Wasser z.T. selbst erwärmt. Einheimisches Essen ist verpönt, „weil wir einen empfindlichen Magen haben.“
Zurück zum Geschäft: Alle reden über die Abholzung des Amazonas, aber in Westafrika ist es nicht besser. Die Chinesen schicken allein hier von Kamakwie aus jeden Tag (und vor allem gern auch nachts) fast ein Dutzend Schwerlasttransporter voll beladen mit Tropenholz zum Hafen von Freetown Richtung Heimat. Warum David da mitmache, will ich wissen? Weil er aus einer sehr armen Familie stamme und sich hocharbeiten wollte. Nie wieder arm sein! Und wenn er den Job nicht mache, dann würde es jemand anderes tun. Das klingt nach einer einfachen Ausrede, aber David spricht mehrfach von zwei Seiten einer Medaille – und die hat vermutlich noch viel mehr davon …
Tatsache ist jedoch: Wenn hier in Westafrika alles bis auf ein paar Palmen abgeholzt ist, dann sind die Chinesen weg, die Saloner immer noch bettelarm und zusätzlich einer einmaligen Flora wie Fauna beraubt. Mit Blick auf den weltweiten Klimawandel sollte Deutschland wie ganz Europa, das dank seines Kolonialismus wahrlich nicht unschuldig an der Gesamtentwicklung ist, ein großes Eigeninteresse daran haben, dass hier zügig das Gegenteil geschieht: Aufforstung statt Abholzung! Eine Möglichkeit wäre, europäischen Firmen im Zuge des CO2-Handels die Möglichkeit einzuräumen, ihre Emissionen gegen die Neuanpflanzung des westafrikanischen Regenwaldes finanziell aufzurechnen. Eine Idee, die (noch viel) schlimmeres verhindern könnte. Für uns alle.

Kommentar verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Weiterlesen und -schauen

Abonniere unsere Seite und Du verpasst keine Entdeckung!

Loading