Ferien in den Löwenbergen

Urlaub in Sierra Leone. Geht das überhaupt? Natürlich geht das, wenngleich dieses Land mit seinen gastfreundlichen Menschen sicherlich nichts für klassische Pauschaltouristen ist. Die entscheidenden Fakten vorab: Sierra Leone ist ein sicheres Reiseland, das Klima ist tropisch, die Infrastruktur nur wenig entwickelt, sprich es gibt außerhalb der Hauptstadt kaum Strom und selten fließendes Wasser. Aber: Dieses kleine Land in Westafrika ist längst nicht nur für junge Rucksack-Touristen ein lohnenswertes Reiseziel!
Der weiße Sand von Tokeh

Die Vorbereitung für eine Reise nach Sierra Leone ist schnell beschrieben: Kaufen Sie sich eine batteriebetriebene Stirnlampe und lassen Sie sich (wie vorgeschrieben) gegen Gelbfieber impfen. Flüge gibt es über Brüssel, Paris oder Istanbul schon ab 750 Euro (Hin- und Rückflug). Das notwendige Visum bekommt man für 80 USD direkt beim Immigration Office im Flughafen. Den anschließenden Transfer von Lungi nach Freetown sollte man beim ersten Mal trotz der zusätzlichen Kosten tatsächlich vorab bei VSL (Link unten) buchen. Und dann geht es ab ins Abenteuer: Hauptstadt, Traumstrände, Busch.

Tariq's Resort in Lungi am Flughafen wurde von Expats eröffnet.
Eine schöne Unterkunft mit gutem Essen, aber auch stolzen Preisen.

Freetown ist eine quirlige Hauptstadt mit gut einer Million Einwohnern, im ganzen Land leben etwa sieben Millionen Menschen. Zwei Drittel von ihnen sind Muslime, ein Drittel Christen – und alle vertragen sich bestens. Wer schon einmal über Frankfurt und Florenz hinausgekommen ist, wird sich auch hier schnell zurechtfinden. Zu europäischen Preisen gibt es durchaus Hotels mit mehr oder weniger europäischem Standard, wozu fließendes Wasser, 24 Stunden Strom und Klimaanlage samt gekühlten Getränken gehören. Selbst das Essen ist dort durchaus für europäische Mägen geeignet. Der Straßenverkehr ist chaotisch, die Stadt laut. Zu den „must go’s“ gehören der (angeblich) über 200 Jahre alte und riesige Cotton Tree, das Wahrzeichen der Stadt, und der benachbarte Big Market (nicht zuletzt für allerlei Mitbringsel). Alles andere findet sich von selbst. Für eine Stadtrundfahrt bietet es sich an, ein „Keke“ vom Straßenrand aus zu ordern – ein dreirädriges Moped, das einem ein wenig „Schutz“ und gleichzeitig jede Menge Freiraum zum Schauen bietet.

Entdeckt wurde Sierra Leone übrigens 1460 von den Portugiesen, die die Bergkette an der Küste an einen schlafenden Löwen erinnerte und sie deshalb „Serra Lyoa“, das Löwengebirge nannten. Ende des 18. Jahrhunderts begannen die Engländer damit, hier ehemalige Sklaven anzusiedeln, die heutigen Krio. Von 1808 bis 1961 war Sierra Leone britische Kronkolonie, weshalb die Amtssprache englisch ist, die auch von einem Großteil der Bevölkerung verstanden wird.

Lakka Beach

Nur 30 Autominuten vom Stadtzentrum entfernt, beginnen die nahezu unverbauten Traumstrände Sierra Leones, einer anders, als der andere. Mal ist der Sand braun, mal rot, mal weiß. Dazu eine meist nur leichte Dünung und der Atlantik ist das ganze Jahr über „badewannenwarm“. Überall sieht man die Fischer, die traditionell ihre Netze in Strandnähe auswerfen, und ihren frischen Fang anschließend an die Marktfrauen in den Dörfern verkaufen. In den Hotels (meist ebenfalls zu europäischen Preisen) gibt es deshalb täglich den „catch of the day“, frischen Atlantikfisch von Barrakuda bis Lobster.

Diese beiden Reisestationen können wir guten Gewissens Menschen jeden Alters empfehlen, die keinerlei medizinischer Versorgung bedürfen. Die gibt es nämlich im ganzen Land quasi nicht. Zwar haben sich mittlerweile in Freetown einige (internationale) Kliniken angesiedelt, aber im Ernstfall hilft nach wie vor nur der direkte Heimflug mit einem Ambulanzjet. Sie sind auch fit genug für den Busch? Auf geht’s:

Um in einem Poda Poda zu reisen, muss man schon frei von Platzangst sein...

Von Freetown aus fahren jeden Tag mehrfach sogenannte Government Busses quer durchs Land, nach dem Taxi die bequemste Art zu reisen. Alternativ gibt es die Poda-Podas, Mini-Vans mit bekanntlich maximal sieben Sitzen, in denen hier jedoch mindestens doppelt so viele Menschen transportiert werden. Die „Notsitze“ auf dem Dach sind jedoch den Einheimischen vorbehalten. Ob Bo, Kenema, Makeni oder Kono, die nächstgrößeren Städte Sierra Leones erreicht man innerhalb weniger Stunden auf weitgehend befestigten Straßen. Wer von Makeni (knapp drei Stunden von Freetown) aber etwa in die Distrikt-Hauptstadt Kamakwie im Norden und weiter zum Outamba-Kilimi-Nationalpark mit seinen seltenen Mini-Hippos möchte, rumpelt noch einmal mehr als zwei Stunden über eine echte „dirt road“ voller Schlaglöcher und rotem Staub.

Bleiben wir in Kamakwie. Die einzig akzeptable Unterkunft für Westerner ist dort das „White House“ Guesthouse von Chief Sambu. Fließend Wasser ist eher Zufall, die Regel ist der „bucket shower“: man nehme eine Schöpfkelle aus Plastik und schütte sich das Brunnenwasser aus einem bereitgestellten Eimer über den Kopf. Die Klospülung funktioniert analog. Das hier draußen deutlich schärfere Essen, wie etwa die landestypischen Cassava leaves mit Reis, wird auf einem kleinen Holzkohleherd gekocht und die Wäsche (auch für die Gäste) mit dem Waschbrett erledigt und anschließend in der Sonne getrocknet. Das mobile Internet funktioniert mit 3G einwandfrei, um Handy oder Laptop aufzuladen, muss jedoch entweder ein tragbares Solarpanel her oder der Generator muss laufen (meist nur abends für ein paar Stunden). Danach geht es ins Bett, für das man sich im besten Fall ein eigenes Moskitonetz mitgebracht hat (weil das vorhandene faustgroße Löcher hat). Spätestens beim Zähneputzen am nächsten Morgen kommt schließlich die batteriebetriebene Stirnlampe zum Einsatz, um die Zahnpasta finden zu können. Außerdem sollte man eine Tüte sauberes Trinkwasser dabei haben, die es überall zu kaufen gibt – zum duschen ist das sehr weiche Wasser aus dem Tiefbrunnen bestens geeignet, trinken würden wir es nicht. Typhus und Diarrhoe sind hier weit verbreitet, Umsicht und auch entsprechende Impfungen ratsam. Und dann ist da noch Malaria: Wer nur für einen Urlaub nach Sierra Leone kommt, lässt sich am besten eine entsprechende Chemoprophylaxe vom Arzt verschreiben. Die Tabletten sind zwar nicht ganz günstig, helfen jedoch (bei uns vollkommen ohne Nebenwirkungen) hervorragend gegen einen Ausbruch dieses Tropenfiebers. (Nur um die Dimension deutlich zu machen: In einer Woche in Schweden trifft man mehr Mücken, als Moskitos in einem Vierteljahr in Sierra Leone.)

Das "White House" von Chief Sambu. Die einzige akzeptable Unterkunft für "Westerners" in der Distrikt-Hauptstadt Kamakwie. Strom gibt es maximal abends für einige Stunden. Ursprünglich sollte hier (vor dem bis 2002 andauernden Bürgerkrieg) ein Krankenhaus entstehen ...
Auch wenn es anders aussieht - fließend Wasser ist die Ausnahme.
Trinkwasser in Tüten gibt es überall. Man sollte immer ein paar dabei haben.
So wird original sierra-leonisch gekocht.

Belohnt wird man für all diese Mühen mit einem authentischen Bild Westafrikas, mit unvergesslichen Begegnungen, einem unendlich weiten Sternenhimmel und im Herbst mit abertausenden von Glühwürmchen. Stichwort Reisezeiten: Von Mai bis September ist Regenzeit, weshalb wir am liebsten im Oktober und November hier knapp oberhalb des Äquators sind. Weihnachten herrscht im Land so etwas wie „Ausnahmezustand“, aber ab Januar kann man durchaus wieder dem nordeuropäischen Winter hierher entfliehen. Der März ist der heißeste Monat des Jahres, und heiß bedeutet ab und zu auch mal 45 Grad im Schatten.

Kamakwie ist ein Stück authentisches Sierra Leone

Die Tierwelt ist aufgrund der fortschreitenden Abholzung des westafrikanischen Regenwaldes zusehends dezimiert, aber es gibt nach wie vor einmalige Arten etwa im Gola Rainforest und vor allem sehr konzentriert auf einer kleinen Insel im Moa River namens Tiwai Island. Es existieren 13 Affenarten in Sierra Leone, elf von ihnen kann man auf der Insel sehen. Vor allem morgens hangeln sich die grölenden Trupps von Baum zu Baum. Ein echtes Schauspiel. Wer sich nicht auf eigene Faust dahin traut, kann problemlos in Freetown eine Tour buchen, etwa über VSL (Link unten).

Sierra Leone verändert sich seit einigen Jahren rasant. Wer also noch wirklich ursprüngliches entdecken möchte, sollte nicht mehr allzu lange mit der Reise warten … oder, um es mit dem Claim von VSL zu sagen: „Visit Sierra Leone, before everyone else does!“

VSL – Visit Sierra Leone

Tiwai Island

3 Kommentare zu „Ferien in den Löwenbergen“

  1. Pingback: Aug in Aug mit den Chimps – mariandlee.com

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